PSDS – Piraten Suchen Den Supervorstand Teil 2


Teil 2 – Die Weichspüler

 

Während sich der erste Teil mit grenzwertigen Befragungen auseinandersetzte, geht es jetzt um die Hauptpersonen – die Kandidaten. Letzte Rettung oder letztes Aufgebot? Ob es für die Piraten tatsächlich um’s Überleben geht oder ob es nur ein weiterer Vorstand wird, der sich an der Partei abarbeitet? Das Wochenende wird es zeigen. In langatmigen Mottoshows wurden die Bewerber  zuvor ausgewählt und gesiebt, so dass alle, die jetzt beim Recall sind, mit Recht die Elite der Partei repräsentieren.

Was kaum jemand für möglich gehalten hat, ist eingetreten: es wurden tatsächlich Erkenntnisse zu Tage gefördert. Wir sind immer noch die Partei mit den besten Themen und dem allerbesten Programm. Keine Partei kann uns auch nur ansatzweise das Wasser reichen. Aber verdammt, warum weiss das nur keiner?

Als die wahren Schuldigen an der gegenwärtigen Misere wurde einhellig Twitter erkannt. Die Partei steht entgegen vielen anderslautenden Gerüchten NICHT vor der Zerreißprobe und mit ein bisschen Reden bekommt man alle Gates dieser Welt lässig unter Kontrolle.

Politiksprech ist so beschissen

Die üblichen Verdächtigen waren jedenfalls anwesend: so z.B. die Großmeister des Politikersprechs. Erstaunlich wie schnell sich diese Spezies in der Partei breitgemacht hat. Wie man stundenlang ohne klare oder eindeutige Aussage reden kann, ist schon bemerkenswert. Alles muss selbstverständlich zuerst gründlich geprüft werden. Da man ja megagut vernetzt ist, hätte man alle Bombergates dieser Welt schon im Ansatz eleminieren können, indem man mal eben mit seinen Buddys schwatzt.

Richtig absurd wird es dann, wenn die größten Politikphrasendrescher sich weinerlich beschweren, „dass der Politiksprech so beschissen ist.“ Ja, ja die größten Kritiker der Elche…

Dann gab es da noch die Meister der Naivität. Unbedarft und treuherzig sind sie „schon ein bisschen auf dem Laufenden“. Und nicht ohne Grund, denn

„Unsere Ziele sind so verdammt wichtig für die Gesellschaft.“

Das ist auch gut so, weil

„Wenn man ein Ziel hat, ist es viel leichter einen Weg zu gehen.“

Und der Weg sollte dann am besten zu den Piraten führen, nämlich „inne Partei kann ja jeder eintreten“. Wenn man aber erstmal drin ist, „inne“ Partei, beginnt die Sozialisation.

„Auf meinem ersten Parteitag hab‘ ich ‘ne Frau beobachtet, die schräg vor mir saß, die hat zwei Tage lang Spider Solitär gespielt. Das fand ich irgendwie faszinierend.“

Tja, hatte wahrscheinlich was meditatives. Schon interessant, wie verschwenderisch manche Menschen mit ihrer Lebenszeit umgehen.

Übrigens hat meditativ nichts mit Mediation zu tun, einer Dienstleistung, zu der sich sektengleich immer mehr Piraten hingezogen fühlen. Wer hat den Leuten eigentlich gesagt, dass Mediation unerlässlich ist für einen Bundesvorstand? 9 von 10 Bewerbern haben denn auch brav bestätigt, sich als Vorstand schnellstens, also quasi unverzüglich, einer Mediation zu unterziehen.

Welches Menschenbild liegt eigentlich der Vorstellung zugrunde, dass ein Vorstand eine wilde Truppe von notorischen Streithähnen sei? Mediation als erste Maßnahme – hier liegen die Probleme anscheinend viel tiefer.

Irgendwie, irgendwas

Kommen wir zu den Altstars der Kandidaten. Sie haben fast ihr halbes Leben in der Partei verbracht, alles gemacht, jeden Posten schon mal gehabt. Und es bricht ihnen das Herz, zu sehen, dass die Partei vor die Hunde geht. Diese Kollegen werden mit dem höchsten Respekt bedacht und bekommen grundsätzlich keine dummen Fragen gestellt. Und zu Recht, wie das Beispiel zeigt:

„Es wär‘ eigentlich total gut, wenn’s zweimal am Tag fest so Slots geben würde, wo man einfach sagt: Hey, das sind so virtuelle Arbeitssitzungen, einmal vielleicht vormittags für die Öffentlichkeitsarbeit zum Bequatschen, einen vielleicht abends um 21 Uhr, wo man nochmal ‘ne Stunde irgendwie mit’n Vorstand oder mit den Leuten, die halt arbeiten, Beauftragte und so weiter in den einzelnen Bereichen, reden kann, um einfach den Tag zu besprechen, den nächsten Tag vorzubereiten und so weiter, dass man einfach davon wegkommt, dass irgendwo in irgendeiner Blase isoliert irgendwas, was Bundesvorstand sich schimpft, agiert und irgendwo anders irgendwo Basispiraten sind, sondern lasst uns das Zeug zusammen erledigen und wenn dann die Basis meint, in die Richtung zu gehen wollen oder dieses Vorhaben zu tun, dann braucht man halt dafür Geld und dann muss man halt dafür‘n Beschluss fassen und das muss dann halt der Vorstand letztendlich absegnen.“

Alles irgendwie klar? Wenn nicht, dann bitte nochmal lesen. Bezeichnend dass Leute, die auf Kreisverbände als Postengenerator schimpfen, oftmals Postensammler vor dem Herrn sind und bitte natürlich auch gleichzeitig. Ämterhäufung? Damit haben wir kein Problem.

Auffällig ist jedoch, dass in fast allen Bereichen Einmütigkeit herrscht. Das geht mit dem Reich des Bösen los: Twitter. Na klar, Twitter ist schuld. An allem. Vielleicht nicht an den Aktionen der Gates, aber bestimmt daran, dass eine Lösung bisher unmöglich war. 140 Zeichen und so. Ist einfach zu wenig.

Normalerweise würde ein wenig Medienkompetenz schon helfen. Wie wär’s? Autos fahren nicht von allein, genauso wenig schreibt Twitter von allein.

„Wenn man generell im Bundesvorstand einer Partei ist, sollte man erstmal auch vielleicht ‘n Tick generell länger überlegen, was man so twittert.“

 

„Wenn man Twitter liest, das ist nur noch ein Chaos, da muss erstmal wieder Ordnung reingebracht werden.“

Ok, Ordnung ist immer gut. Und Strukturen natürlich auch. Mehr hauptamtliche Kräfte? 100% dafür. Wieviele es augenblicklich sind? Ob genügend Mittel vorhanden sind? Nicht so wichtig, erstmal einstellen und dann sehen wir weiter. Zur Not geht’s auch anders:

„Ich möchte nicht Leute ehrenamtlich ausbeuten über ein gewisses Maß hinaus.“

Wenn die Piraten schon Medienkompetenz lernen sollen, dann ist ja auch die Forderung nach politischer Bildung nicht weit. Oh ja, politische Bildung – sehr gut. Brauchen wir unbedingt. Machen wir.

Für jemanden, der sich bei den Piraten sehr viel mit politischer Bildung beschäftigt hat, beschleicht mich hier immer ein ganz ungutes Gefühl. Erfahrungsgemäß lautet die Übersetzung dieser Äußerungen: politische Bildung? Ja, für die anderen!

Ist aber immer gut zu fordern. Gegen Bildung kann ja keiner klaren Geistes sein.

Und der erst Punkt auf der Bildungsagenda wird der Gewaltbegriff sein. Kaum mal einer, der nicht ins Schwimmen kommt und versucht zu definieren, umzudefinieren, zu erweitern und seine eigene verquaste Theorie zum Besten gibt. Aber die Nachhilfe gibt es nicht hier!

Richtig witzig werden die Kandidaten, wenn sie endlich wieder mehr Piraten in den Medien fordern und sich ausmalen, wenn sie denn erst in den wesentlichen Talk-Shows der Republik zu Gast sind. Medienkompetenz anyone?

„Alles zu seine Zeit, auch die Fragen, alles zu seiner Zeit.“

 

„Ich kann ja nicht ständig zu jedem einzelnen KV oder zu jedem einzelnen Stammtisch rennen und da mir anhören, was die Leute zu sagen haben.“

Ach ja, da haben wir noch die Kernthemen. Schwieriger Punkt. Die Piraten in den Grenzen von 2009, das kommt mir vor wie die Vertriebenenverbände bei der CDU. Der Zeitreiseantrag ist aber gescheitert und auch sonst kann man die Zeit nicht zurückdrehen.

Und was gab es außerdem?

Kreide, jede Menge Kreide. Die größten Twitter-Haudraufs haben noch nie einen bösen Tweet abgesetzt. Ganz im Gegenteil, sind so verletzliche kleine Pflänzchen, wenn es sie selber trifft.

Kandidaten, die vor kurzem die Piraten für entbehrlich hielten, haben auf einmal ihre ganz eigene Sicht der Dinge.

„Mein Idealismus war noch nicht wieder auf dem Höhepunkt.“

Bleibt zu hoffen, dass das nur den Idealismus betraf.

Wo wir gerade dabei sind, verblüffend auch wie viele harte Knochen sich unter der Truppe befinden. Bombergate? Molligate?

„Durchgreifen, wenn es Piraten gibt, die einfach nicht verstehen wollen.“

Keiner, der nicht sofort mit einem ganzen Sack voll Ordnungsmaßnahmen zur Stelle gewesen wäre. Und die Meinungsverschiedenheiten zwischen links und liberal löst man geflissentlich mit ein, zwei Telefonaten zwischendurch. Es wundert, dass bei so einem Quatsch, der da verschwurbelt wurde, nicht das Headset vom Kopf gesprungen ist.

Oft haben sich die Kandidaten im Labyrinth ihrer Gedanken heillos verlaufen. Gedankengebäude, die zu übermenschlich großen Ungetümen aufgetürmt wurden, fielen beim kleinsten Windhauch sang- und klanglos in sich zusammen. Und manch tiefschürfende Erkenntnis hat sich glücklicherweise schnell versendet.

„Die Abforderung von Steuern ist sehr wohl eine Einmischung in die persönliche Freiheit.“

 

„Ich glaube, das war eine sehr extreme Situation, die sich nicht unbedingt wiederholen würde.“

 

„Ja und Nein sind zwei extreme Pole eines großen Spektrums.“

 

„Die neue FDP möchte ich nicht sein, mit unter 3% und so.“

Im Dschungelcamp von RTL heißt die Devise, wenn es um zu verzehrendes Getier geht: Schnell und beherzt den Kopf abbeißen, damit das Tier nicht unnötig leidet. So martialisch geht es in Halle natürlich nicht zu. Hier kann der Wahlspruch nur lauten: Augen zu und durch!

Aber es wird auch dem neuen Supervorstand gehen, wie allen anderen vor ihm. Wenn die Scheinwerfer aus sind, warten die Niederungen des Piraten-Boulevards: endlose Mumbles und Veranstaltungen wie die Marina. Und am Ende steht dann das Dschungelcamp der Piraten: „Wir müssen reden“.

Ein Kandidat sprach die weisen Worte gelassen aus:

„Hinterher ist man immer schlauer.“

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